Dez ‍‍2021 - תשפא / תשפב

Willensfreiheit

Waera

   Die Frage ist uralt: Wenn Gott das Herz des Pharaos hart werden ließ, dann war es Gott, nicht der Pharao selbst, der ihn dazu brachte, sich zu weigern, die Israeliten ziehen zu lassen. Wie kann es rechtens sein, den Pharao und sein Volk für eine Entscheidung – eine Reihe von Entscheidungen – zu bestrafen, die nicht freiwillig getroffen wurden? Bestrafung setzt Schuld voraus. Schuld setzt wiederum Verantwortung voraus, und Verantwortung letztendlich Freiheit. Wir geben nicht den Gewichten die Schuld, wenn sie zu Boden fallen, oder der Sonne, wenn sie scheint. Naturgewalten sind nicht die Folge von Entscheidungen, die durch Abwägen von Alternativen getroffen werden. Nur der Homo sapiens ist frei. Nimmt man ihm diese Freiheit, beraubt man ihn seines Menschseins. Wie kann es dann sein, wie es in unserem Wochenabschnitt heißt (Exod. 7:3), dass Gott das Herz des Pharao verhärtete?[1]

Alle Kommentatoren beschäftigen sich mit dieser Frage. Maimonides und andere bemerken eine auffällige Besonderheit: Bei den ersten fünf Plagen lesen wir, dass der Pharao selbst sein Herz verhärtete. Erst später, bei den letzten fünf Plagen, lesen wir, dass Gott dies tat. Diese Kommentare schlussfolgern hieraus, dass die letzten fünf Plagen als eine Strafe für die ersten fünf Verweigerungen zu verstehen sind. Zu diesen hatte sich der Pharao wiederum aus freien Stücken entschlossen.[2]

Ein zweiter Ansatz, der genau entgegengesetzt argumentiert, lautet, dass Gott während der letzten fünf Plagen nicht eingriff, um das Herz des Pharaos zu verhärten, sondern um es zu stärken. Er handelte, um sicherzustellen, dass der Pharao seinen Mut nicht verlor und befähigte ihn somit, seine Willensfreiheit zu behaupten. Die Wirkung der Plagen war so groß, dass ein Staatsoberhaupt unter normalen Umständen keine andere Wahl gehabt hätte, als sich der überlegenen Macht zu beugen. So sagten Pharaos eigene Berater vor der achten Plage: „Begreifst du noch nicht, dass Ägypten zerstört ist?“ (Exod. 10:7). Hätte der Pharao zu diesem Zeitpunkt eingelenkt, wäre dies ein Handeln unter Zwang gewesen, nicht aber ein echter Sinneswandel. So erklären Josef Albo[3] und Obadia Sforno.[4]

Eine dritte Erklärung stellt die eigentliche Bedeutung des Satzes „Gott verhärtete das Herz des Pharao“ in Frage. In einem tiefen Sinne steht Gott, der Autor der Geschichte, hinter jedem Ereignis, jeder Handlung, jedem Windstoß und jedem Regentropfen. Das menschliche Handeln schreiben wir jedoch normalerweise nicht Gott zu: Wir sind, was wir sind, weil wir uns entschieden haben, so zu sein, auch wenn Gott dies schon lange vorher in Seinem Drehbuch für die Menschheit so festgelegt hat. Was schreiben wir einer Handlung Gottes zu? Etwas, das ungewöhnlich ist und so weit von den Normen menschlichen Verhaltens abweicht, dass wir es nur schwer erklären können, außer zu sagen, dass es „wohl schon seinen Grund haben wird“.

Gott selbst sagt über die Hartnäckigkeit des Pharaos, dass dies der ganzen Menschheit Zeugnis sei, dass selbst das größte Imperium gegen die Hand des Himmels machtlos ist (Exod. 7:5; 14:18). Der Pharao handelte wohl aus freien Stücken, aber seine letzten Verweigerungen waren so seltsam, dass es für jeden offensichtlich war, dass Gott dies so vorweggenommen hatte. Es war vorhersehbar, ein Teil des Drehbuchs. Gott hatte dies Abraham sogar schon Jahrhunderte zuvor offenbart, als Er ihm in einer überwältigenden Vision offenbarte, dass seine Nachkommen Fremde in einem Land sein würden, das ihnen nicht gehört (Gen. 15:13-14).

All dies sind interessante und plausible Interpretationen. Mir scheint jedoch, dass die Tora hier eine tiefere Geschichte erzählt, eine, die nie an Aktualität verliert. Philosophen und Wissenschaftler neigen dazu, in Begriffen von Abstraktionen und Universalien zu denken. Einige sind zu dem Schluss gekommen, dass wir freien Willen haben, andere sind der Meinung, dass wir keine Willensfreiheit haben. Dazwischen gibt es keinen konzeptionellen Raum, in dem eine dritte Alternative existieren könnte.

Im wirklichen Leben funktioniert das Prinzip der Willensfreiheit jedoch überhaupt nicht so. Nehmen wir zum Beispiel die Sucht: Wenn jemand zum ersten Mal spielt, Alkohol trinkt oder Drogen nimmt, mag er dies aus freien Stücken tun. Möglicherweise sind ihm die Risiken bekannt, doch ignoriert er sie. Im Laufe der Zeit nimmt die Abhängigkeit zu, bis das Verlangen so stark ist, dass er ihm kaum noch widerstehen kann. An einem bestimmten Punkt muss er sich in eine Rehabilitationseinrichtung begeben. Er ist dann nicht mehr in der Lage, ohne externe Unterstützung aufzuhören. Wie der Talmud sagt: „Ein Gefangener kann sich nicht selbst aus dem Gefängnis befreien“ (Berachot 5b).

Sucht ist ein physisches Phänomen, aber es gibt auch moralische Entsprechungen. Nehmen wir zum Beispiel an, man lügt bei einer wichtigen Gelegenheit. Die Leute glauben nun etwas über einen, das nicht der Wahrheit entspricht. Befragen sie einen dazu oder kommt es im Gespräch auf, muss man weitere Unwahrheiten erzählen, um die erste Lüge zu untermauern. „O, was für ein verworrenes Netz wir weben“, sagte Sir Walter Scott, „wenn wir erst einmal anfangen, zu täuschen.“

Das gilt für den Einzelnen. Geht es um Organisationen, ist das Risiko noch größer. Nehmen wir an, einem leitenden Angestellten ist ein kostspieliger Fehler unterlaufen, der, wenn er aufgedeckt wird, die gesamte Zukunft des Unternehmens gefährdet. Er wird versuchen, den Fehler zu vertuschen. Dazu muss er die Hilfe anderer in Anspruch nehmen, die zu Mitverschwörern werden. In dem Maße, in dem sich der Kreis der Täuschung ausweitet, wird er Teil der Unternehmenskultur, so dass es für ehrliche Menschen innerhalb der Organisation immer schwieriger wird, Widerstand zu leisten oder zu protestieren. Es bedarf dann des seltenen Mutes eines Whistleblowers, um den Betrug aufzudecken und zu beenden. In den letzten Jahren hat es viele solcher Fälle gegeben.[5]

Auf staatlicher Ebene, insbesondere in nicht-demokratischen Ländern, ist das Risiko noch höher. In Wirtschaftsunternehmen können die Verluste beziffert werden. Irgendjemand weiß, wie viel eingebüßt wurde, wie viele Schulden versteckt wurden und wo. In der Politik gibt es möglicherweise keinen solchen objektiven Test. Es ist leicht zu behaupten, dass politische Maßnahmen wirken, und offensichtliche Gegenbeweise wegzuerklären. Es entsteht eine Geschichte, die zur gängigen Weisheit erhoben wird. Das Märchen von Hans Christian Anderson, Des Kaisers neue Kleider, ist das klassische Gleichnis für dieses Phänomen. Ein Kind sieht die Wahrheit und spricht sie in seiner Unschuld aus, womit die Verschwörung des Stillschweigens seitens der kaiserlichen Berater und der Stadtbevölkerung gebrochen ist.

Wir verlieren unsere Freiheit schrittweise, oft ohne es zu bemerken. Das ist es, worauf uns die Tora fast von Anfang an verweist. Die klassische Erklärung der Willensfreiheit findet sich in der Geschichte von Kain und Abel. Als Kain sich darüber ärgert, dass seine Opfergabe nicht mit Wohlgefallen aufgenommen wurde, sagt Gott zu ihm: „Wenn du tust, was recht ist, wirst du dann nicht akzeptiert werden? Wenn du aber nicht tust, was recht ist, so lauert die Sünde vor deiner Tür; sie begehrt dich, du aber musst über sie herrschen“ (Gen. 4:7). Die Aufrechterhaltung des freien Willens, insbesondere im Zustand starker Emotion wie sie der Zorn ist, erfordert Willenskraft. Wie wir in diesen Studien bereits festgestellt haben,[6] kann es zu dem kommen, was Daniel Goleman einen Amygdala-Hijack, eine „Mandelkernentführung“ nennt, bei der die instinktive Reaktion an die Stelle einer überlegten Entscheidung tritt und wir Dinge tun, die sowohl uns als auch anderen Schaden zufügt.[7] Das ist die emotionale Bedrohung der Freiheit.

Darüber hinaus gibt es eine soziale Bedrohung. Nach dem Holocaust wurde eine Reihe von bahnbrechenden Experimenten durchgeführt, um die Kraft des Konformismus und des Gehorsams gegenüber Autoritäten zu beurteilen. Solomon Asch führte eine Reihe von Experimenten durch, bei denen acht Personen eine Linie gezeigt wurde. Daraufhin wurden sie gefragt, welche von drei anderen Linien die gleiche Länge hätte. Eine der Personen wusste nicht, dass es sich bei den sieben anderen um Mitarbeiter des Experimentleiters handelte, die seine Anweisungen befolgten. In einer Reihe von Fällen gaben die sieben Verschworenen eine eindeutig falsche Antwort, und doch war die achte Person in 75 Prozent der Fälle bereit, ihnen zuzustimmen und eine Antwort zu geben, von der sie wusste, dass sie falsch war.

Der Yale-Psychologe Stanley Milgram wies nach, dass gewöhnliche Menschen bereit waren, einer Person in einem angrenzenden Raum scheinbar schrecklich schmerzhafte Elektroschocks zuzufügen, als sie von einer Autoritätsperson, dem Versuchsleiter, dazu aufgefordert wurden.[8] Bei dem von Philip Zimbardo durchgeführten Stanford-Gefängnis-Experiment wurden den Teilnehmern die Rollen von Gefangenen und Wärtern zugewiesen. Innerhalb weniger Tage verhielten sich die „Wärter“ grausam und in einigen Fällen missbräuchlich gegenüber den Gefangenen. Das Experiment, das für eine Dauer von zwei Wochen geplant war, musste nach sechs Tagen abgebrochen werden.[9]

Die Macht des Konformismus ist, wie diese Experimente veranschaulichen, immens. Ich glaube, das ist der Grund, warum Abraham aufgefordert wurde, sein Land, seinen Geburtsort und das Haus seines Vaters zu verlassen. Dies sind die drei Faktoren, die unsere Freiheit umrahmen: Kultur, Gemeinschaft und frühe Kindheit. Juden lebten durch die Jahrhunderte hinweg in, aber waren nicht von der Gesellschaft. Jude zu sein bedeutet, eine kalibrierte Distanz zur Gegenwart und ihren Götzen zu halten. Freiheit braucht Zeit, um reflektierte Entscheidungen zu treffen. Sie benötigt Abstand, um nicht in Konformität eingelullt zu werden.

Am tragischsten ist die moralische Bedrohung. Wir vergessen manchmal oder wissen gar nicht, dass die Bedingungen der Sklaverei, die die Israeliten in Ägypten erlebten, oft genug von den Ägyptern selbst über viele Generationen hinweg erlitten wurden. Die große Pyramide von Gizeh, die mehr als tausend Jahre vor dem Exodus und sogar vor der Geburt Abrahams gebaut wurde, machte einen beträchtlichen Teil Ägyptens zwanzig Jahre lang zu einer Sklavenkolonie.[10] Wenn das Leben billig wird und der Mensch als Mittel und nicht als Zweck betrachtet wird, wenn die schlimmsten Exzesse im Namen der Tradition entschuldigt werden und Herrscher absolute Macht haben, dann wird das Gewissen zersetzt und Freiheit geht verloren. Eine solche Kultur schafft einen in sich geschlossenen Raum, in dem der Schrei der Unterdrückten nicht mehr gehört werden kann.

Das ist es, was die Tora meint, wenn sie sagt, dass Gott das Herz des Pharao verhärtete: Indem er andere versklavte, wurde der Pharao selbst zum Sklaven. Er wurde zum Gefangenen der Werte, zu denen er sich selbst bekannt hatte. Freiheit im tiefsten Sinne, die Freiheit, das Richtige und Gute zu tun, ist keine Selbstverständlichkeit. Wir erwerben sie oder verlieren sie nach und nach. Tyrannen bringen sich am Ende selbst um, während diejenigen, die Willenskraft, Mut und die Bereitschaft haben, sich gegen den Konsens zu stellen, eine monumentale Freiheit erlangen. Das ist es, was das Judentum verkündet: eine Aufforderung zur Freiheit, indem man den Götzen und Sirenenrufen seiner Zeit widersteht.

[1] In der Erzählung werden drei verschiedene Verben verwendet, um die Verhärtung des Herzens zu bezeichnen: k-sch-h, ch-s-k und k-b-d. Sie sind von unterschiedlicher Nuancierung: Das erste bedeutet „verhärten“, das zweite „stärken“ und das dritte „schwer machen“.

[2] Maimonides, Hilchot Teshuwa 6:3.

[3] Albo, Sefer Ickarim, IV, 25.

[4] Siehe Obadia Sfornos Kommentar zu Exod. 7:3.

[5] Zum Enron-Skandal siehe Bethany McLean und Peter Elkind, The Smartest Guys in the Room: The Amazing Rise and Scandalous Fall of Enron (New York, Portfolio, 2003).

[6] Siehe Jenseits der natürlichen Welt, ein Beitrag aus Covenant & Conversation zum Wochenabschnitt Noach.

[7] Daniel Goleman, Emotionale Intelligenz (New York, Bantam, 1995).

[8] Stanley Milgram, Das Milgram-Experiment: Zur Gehorsamsbereitschaft gegenüber Autorität (Rowohlt Taschenbuch Verlag).

[9] Philip G. Zimbardo, Der Luzifer-Effekt: Die Macht der Umstände und die Psychologie des Bösen (Springer-Verlag, 2016).

[10] Toby Wilkinson, The Rise and Fall of Ancient Egypt (London, Bloomsbury, 2010) S. 72-91. Deutsche Ausgabe: Aufstieg und Fall des Alten Ägypten: Die Geschichte einer geheimnisvollen Zivilisation vom 5. Jahrtausend v. Chr. bis Kleopatra (Pantheon Verlag). Ausgehend von einem zehnstündigen Arbeitstag wurde errechnet, dass über zwanzig Jahre lang jeden Tag alle zwei Minuten ein riesiger Steinblock mit einem Gewicht von über einer Tonne an seinen Platz transportiert werden müsste.

  1. Spüren Sie manchmal den Zwang zur Anpassung (auch Gruppenzwang genannt)? Können Sie Beispiele benennen?
  2. Wie wirkt sich das auf Ihren freien Willen aus?
  3. Wie verstehen Sie den Satz: „Das Judentum ist eine Aufforderung zur Freiheit, indem man den Götzen seiner Zeit widersteht“? Was sind die Götzen unserer Zeit und wie fordert uns die Tora auf, ihnen zu widerstehen?

Die Parascha in anderen Sprachen finden Sie hier