Ein Volk, das allein lebt!
19.07.2024

Ein Volk, das allein lebt!

Autor(en): Rabbiner Naphtali Zwi

   Das Lexikon definiert Epiphanie als „die plötzliche Offenbarung vom Wesen einer Sache oder ihrer Bedeutung; das Verständnis oder die Wahrnehmung der Realität durch ein plötzliches intuitives Erkennen“. Dies ist die Geschichte einer Epiphanie, die ich an einem Tag im Mai 2001 erlebte und die meine Wahrnehmung des jüdischen Schicksals veränderte.

Es war Schawuot. Wir waren in Jerusalem und zum Mittagessen bei einem ehemaligen ehrenamtlichen Leiter einer großen Diaspora-Gemeinde eingeladen. Unter den Tischgästen befanden sich auch ein israelischer Diplomat und einer der Leiter der kanadischen jüdischen Gemeinde.

Das Gespräch drehte sich um die damals bevorstehende – heute berüchtigte – UN-Konferenz gegen Rassismus in Durban. Obwohl die Konferenz erst Ende August beginnen sollte, ahnten wir schon im Voraus, dass sie und das parallel stattfindende Treffen von Nichtregierungsorganisationen zu einer Hetz­kampagne gegen Israel geraten würden, die eine neue Phase des Angriffs auf seine Legitimität einleiten würde.

Der Diplomat bemerkte, dass das Gespräch eine pessimistische Wendung genommen hatte, und als religiöser Mensch versuchte er, uns zu trösten. „So war es schon immer“, sagte er und zitierte dann einen berühmten Satz: „Wir sind ‚Am lewadad jischkon‘, das Volk, das allein lebt.“

Er stammt aus der Parascha dieser Woche. Bileam, der das jüdische Volk verfluchen sollte, segnet es stattdessen mehrfach. In seinem ersten Ausspruch sagt er zu Balak, dem König von Moab:

„Wie soll ich verfluchen, wen Gott nicht verflucht? Wie kann ich verdammen, wen der Ewige nicht verdammt? Vom Gipfel des Felsen sehe ich sie, von den Hügeln blicke ich herab: ein Volk, das allein lebt, sich nicht unter die Völker rechnen lässt“ (Num. 23:8-9).

Als ich diese Worte in diesem Zusammenhang hörte, erlebte ich eine explosionsartige geistige Erleuchtung. Plötzlich wurde mir klar, wie gefährlich dieser Satz ist und wie sehr er das Risiko birgt, zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung zu werden. Wenn man sich selbst als das Volk definiert, das allein lebt, wird man wahrscheinlich auch allein sein. Eine solche Position gewährt keinem Sicherheit.

„Sind Sie sicher“, sagte ich zu dem Diplomaten, „dass dies ein Segen und kein Fluch war? Denken Sie nur daran, wer das gesagt hat. Es war Bileam, und er ist nicht als Freund der Juden bekannt.“ Bileam gehört zu den in der Mischna (Sanhedrin 10:2) erwähnten Personen, die keinen Anteil an der kommenden Welt haben. Nachdem es ihm nicht gelungen war, die Israeliten zu verfluchen, fügte er ihnen schließlich großen Schaden zu (Num. 31:16).

„Bedenken Sie nur“, fuhr ich fort, „was der Talmud in Sanhedrin (105b) sagt, dass alle Segnungen, mit denen Bileam das jüdische Volk segnete, sich in Flüche verwandelten, mit der einzigen Ausnahme des Satzes ‚Wie schön sind deine Zelte, Jakob, und deine Wohnungen, Israel‘“ (Num. 24:5). Unsere Weisen sagen, dass Bileam sich absichtlich zweideutig ausdrückte, so dass seine Worte als Segen verstanden werden konnten, aber auch eine andere, dunklere Bedeutung hatten.

„Außerdem“, sagte ich, „ist badad, allein zu sein, nach der Tora keine gute Position. Das erste Mal, dass die Worte ‚nicht gut‘ in der Tora vorkommen, ist in dem Satz Lo tow hejot Ha’adam lewado, ‚Es ist nicht gut für den Menschen, allein zu sein‘ (Gen. 2:18). Von einem Aussätzigen sagt die Tora badad jeschew michuz Lamachane Moschawo, ‚Er soll abgesondert leben, außerhalb des Lagers.‘ (Lev. 13:46). Das Buch der Klagelieder beschreibt die Tragödie, die das jüdische Volk heimgesucht hat, mit den Worten: Eicha jaschwa wadad Ha’ir rabati Am – Wie einsam ist die Stadt, die einst von Menschen bevölkert war (Klgl. 1:1). Außer in Verbindung mit Gott ist Einsamkeit selten ein Segen.“

Als ich hörte, wie uns der Diplomat zu trösten versuchte, wurde mir plötzlich klar, wie gefährlich diese jüdische Selbstdefinition geworden war. Vor dem Hintergrund des Antisemitismus und des Holocaust schien sie das jüdische Sein geradezu auf den Punkt zu bringen. Aber so haben die Kommentatoren das Zitat nicht verstanden. Raschi sagt, es bedeute, dass die Juden unzerstörbar seien. Ibn Esra erklärt, es besagt, dass sie sich nicht assimilieren. Ramban sagt, es heiße, dass sie ihre eigene Integrität bewahren. Es bedeutet nicht, dass sie dazu bestimmt sind, isoliert zu leben, ohne Verbündete oder Freunde. Das wäre kein Segen, sondern ein Fluch. Kein Schicksal und erst recht keine Identität.

Jude zu sein bedeutet, von Gott geliebt zu werden; es heißt nicht, von den Nichtjuden gehasst zu werden. Unsere Vorfahren waren dazu berufen, „ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk“ zu sein. Das Wort kadosch, „heilig“, bedeutet auch „abgesondert“. Aber es gibt einen großen Unterschied zwischen abgesondert leben und allein sein.

Führungspersönlichkeiten sind zwar von den anderen unterschieden, aber sie sind nicht allein. Wenn sie wirklich allein wären, wären sie nicht imstande zu führen. Sportler, Schriftsteller, Schauspieler, Sänger und Pianisten sondern sich womöglich ab, wenn sie sich auf einen großen Auftritt vorbereiten, aber sie sind nicht allein. Ihre Absonderung ist zweckbedingt. Sie ermöglicht es ihnen, ihre Energien zu fokussieren, ihre Fähigkeiten zu verfeinern und zu perfektionieren. Es ist kein existenzieller Zustand, keine selbst gewählte, keine gewollte Isolation.

In der Tora gibt es keinen Hinweis darauf, dass die Juden allein leben werden. Gott sagt zu Abraham: „Durch dich sollen alle Familien der Erde gesegnet werden.“ Abraham unterschied sich von seinen Nachbarn, aber er kämpfte und betete für sie. Er stand abseits, aber er war nicht allein.

Seit einiger Zeit – die Konferenz von Durban war ein Zeichen dafür – sehen sich Israel und das Judentum in der Diaspora einer wachsenden Isolation ausgesetzt. Israel ist das Ziel einer anhaltenden Kampagne der Delegitimierung. Derweil steht in den Niederlanden die Schechita und in San Francisco die Brit Mila unter Beschuss. Kämpfe, die wir für die Freiheit, als Juden zu leben, gewonnen zu haben glaubten – individuell in der Diaspora, national und kollektiv im Staat Israel -, müssen nun erneut geführt werden.

Es sind wichtige Kämpfe, gute Kämpfe, deren Ausgang nicht nur die Juden betreffen wird. In der Antike war Israel eine kleine Nation, umgeben von großen Reichen. Im Mittelalter waren die Juden die sichtbarste Minderheit im christlichen Europa. Heute ist der Staat Israel eine verletzliche Enklave in einem überwiegend muslimischen Nahen Osten.

Lange Zeit wurde den Juden die Rolle des „Anderen“ zugewiesen, desjenigen, der nicht in das gängige Paradigma, den Mehrheitsglauben, die vorherrschende Kultur passt. Eines der zentralen Themen des Judentums ist die Würde des Andersdenkenden. Juden argumentieren, stellen in Frage, hinterfragen. Manchmal tun sie dies sogar mit Gott selbst. Deshalb ist das Schicksal der Juden in einer bestimmten Zeit und an einem bestimmten Ort oft der beste Indikator für die Freiheit in dieser Zeit und an diesem Ort.

Es ist kein Zufall, dass die Geschichte von Abraham unmittelbar nach der biblischen Erzählung vom Turmbau zu Babel beginnt, die mit den Worten anhebt: „Nun hatte die ganze Welt eine Sprache und eine gemeinsame Zunge.“ Rabbiner Naphtali Zwi Juda Berlin (Neziw) erklärt, dies bedeutet, dass es keinen Widerspruch gab. Es gab eine erzwungene Meinungsgleichheit. Eine solche Gesellschaft lässt keinen Raum für Dialoge und Debatten, Meinungsverschiedenheiten und Differenzen – Kriterien, die für die Freiheit unerlässlich sind.

Wenn Juden also für ihr Existenzrecht kämpfen, sei es als Nation in ihrer historischen Heimat oder als religiöse Gruppe in anderen Gesellschaften, dann kämpfen sie nicht nur für sich selbst, sondern für die menschliche Freiheit insgesamt. Es war der katholische Schriftsteller Paul Johnson, der schrieb, die Juden seien „Beispiel und Verkörperung des Menschseins. Sie scheinen alle unausweichlichen Zwangslagen des Menschen in einer gesteigerten und geklärten Form darzustellen… Die Rolle der Juden scheint darin zu bestehen, diese gemeinsamen Erfahrungen der Menschheit zu bündeln und zu dramatisieren und ihr besonderes Schicksal in eine universelle Moral zu verwandeln.“

Während wir uns auf die nächste Schlacht im langen Kampf für die Freiheit vorbereiten, ist es wichtig, dass wir nicht von vornherein glauben, dass wir dazu bestimmt wären, allein zu sein, ohne Freunde und Verbündete, konfrontiert mit einer Welt, die uns weder versteht noch bereit ist, uns einen Raum zu geben, in dem wir unseren Glauben leben und unsere Zukunft getreu unserer Vergangenheit gestalten können. Wenn wir überzeugt sind, dass wir scheitern werden, dann werden wir wahrscheinlich scheitern. Deshalb haben unsere Weisen zu Recht darauf hingewiesen, dass die Worte Bileams nicht unbedingt gut gemeint waren.

Anders zu sein bedeutet nicht unbedingt, allein zu sein. Im Gegenteil, wir tragen nur dadurch, dass wir einzigartig sind, das dazu bei, was nur wir allein der Menschheit geben können. Einzigartig, unverwechselbar, gegenkulturell – ja. Das gehört zum jüdischen Dasein. Aber allein? Nein, das ist kein Segen, sondern ein Fluch.

Die Parascha in anderen Sprachen finden Sie hier