Rabbiner Julian-Chaim Soussan

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Der Einzelne im Fokus

von Frederic Spohr
Julian Chaim Soussan ist Rabbiner der drittgrößten jüdischen Gemeinde in Deutschland. Trotzdem versucht er, jedem Gemeindemitglied so nahe wie möglich zu sein.
Das Schwierige, sagt Julian Chaim Soussan, sei das ständige Umschalten. Dass immer wieder vollkommen neue Situationen auf einen zukommen: morgens ein Trauergespräch, danach eine fröhliche Brit Milah, schließlich wieder zu einer Beerdigung und später noch zum Unterricht. Tod und Freude liegen im Rabbiner-Alltag eng beisammen.

Das Problem haben natürlich viele Rabbiner. Aber für Soussan ist es vielleicht besonders anstrengend – immerhin betreut er in Düsseldorf die drittgrößte jüdische Gemeinde in Deutschland. Da sind die Termine dicht an dicht. Und Soussan hält sich an den Grundsatz, dass jeder Termin den gleichen Einsatz verdient: „Jeder, der hier zur Tür hereinkommt, hat Anspruch auf meine volle Aufmerksamkeit.“

Zu dieser Einstellung kam der heute 42jährige dank seiner Ausbildung in Israel. Soussan besuchte dabei eine Gemeinde nach der anderen. Er sah Synagogen mit dem Charme heruntergekommener Hinterzimmer, die wegen des Andrangs fast aus allen Nähten platzten. Gleichzeitig besichtigte er wunderschön verzierte und hergerichtete G-tteshäuser, die kaum besucht wurden. Soussan zog eine Konsequenz daraus: Es kommt nicht auf das Große drumherum an, sondern eher auf das Kleine, das Zwischenmenschliche. „Die Menschen müssen sich zu wie zu Hause fühlen.“

Doch gerade in einer so großen und vielfältigen Einheitsgemeinde wie in Düsseldorf ist das schwierig – jeder hat schließlich andere Vorstellungen von seinem Zuhause. Soussan löst das Problem auf seine Weise: Statt nur die große Richtung vorzugeben, nach der sich alle orientieren müssen, versucht er lieber, individuell auf jeden Einzelnen einzugehen. „Zielgruppenorientiert“ nennt das Soussan. Er sucht das Gemeinsame, und er freut sich auch, wenn seine Gemeindemitglieder selbst die Initiative übernehmen – auf welche Art und Weise auch immer, Hauptsache sie werden tätig. „Am schönsten ist es natürlich, wenn sie an Pessach zu uns in die Gemeinde kommen. Aber sie können auch in einer Pizzeria feiern, bevor sie überhaupt nichts machen.“

Die logische Konsequenz daraus ist, dass er sich aus den großen politischen Dingen lieber heraushält. Soussan fühlt sich eher für das individuelle Schicksal seiner Gemeindemitglieder verantwortlich. So oft wie möglich sucht er den Kontakt zu Menschen. Er geht in den Veteranen-Club, in die Vereinigung der Holocaustüberlebenden. Dort versucht er das zu schaffen, was ihm am wichtigsten ist: eine jüdische Identität bei jedem Einzelnen zu wecken.

Eine Arbeit, die viel Kraft kostet – und die er vielleicht auch nicht verkraften würde, wären da nicht die Kinder. „Wenn ich in unser Schulzentrum komme und die Kinder rufen nach mir, dann kann ich wieder auftanken.“ Vor allem freut ihn, dass man hier auch die Früchte seiner Arbeit sehen kann: „Es ist ein tolles Gefühl, jemanden schon als Kind unterrichtet zu haben und später seine Trauung auszurichten.“ Das sind Momente, in denen er weiß, dass es die richtige Entscheidung war, Rabbiner zu werden.

Sein Vater, Rabbiner Benjamin David Soussan, war erst skeptisch. „Der weiß, wie anstrengend der Rabbinerberuf sein kann,“ sagt Soussan. Letztlich sei er aber doch stolz, dass sein Sohn diesen Weg gegangen sei. Missmutiger war sein Vater allerdings, als der Junior in jungen Jahren sein Volkswirtschaftsstudium abgebrochen hatte. Allerdings war das ein Schritt, der den späteren Werdegang schon vorzeichnen sollte – Soussan hatte sich die Ökonomie damals an den Nagel gehängt, um sich auf Judaistik zu konzentrieren und häufiger als Religionslehrer arbeiten zu können.