Sep ‍‍2012 - תשעב / תשעג

Tischa Be’Aw- der Neunte Aw

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Den folgenden Text können Sie sich auch hier herunterladen: Tischa Be’Aw.

An diesem ersten Tag in der jüdischen Geschichte wurde sowohl der Erste als auch der Zweite Tempel zerstört. Es ist ein Tag der nationalen Trauer, denn er ist Ausdruck der Zerstörung des Bet Hamikdasch, des Verlustes der nationalen Unabhängigkeit und des Beginns einer langen und bitteren Zeit der Diaspora und des Leidens des jüdischen Volkes im Exil, zweitausend Jahre lang. All dies begann an diesem tragischen, sorgenvollen Kalendertag.

Welche Tragödien geschahen am Tischa Be’Aw?

Es wurde bestimmt, dass unsere Vorfahren in der Wüste sterben   sollten und zwar wegen der Sünden der Kundschafter, die Moses in das Land Israel entsandt hatte (Numeri 13, 14). Die Israeliten hörten bei der Rückkehr der Kundschafter auf deren Worte. Diese verleumdeten das Land Israel und fassten ihre Mission zusammen, in dem sie sagten, das Volk Israel sei nicht in der Lage, das Land zu erobern. Sie drückten dadurch ihre Zweifel aus, ob G’tt, der sie durch alle Versuchungen der Wüste geleitet hatte, in der Lage wäre, sie in das Gelobte Land zu bringen.

Da schrie die ganze Gemeinde laut auf und das Volk weinte in derselben Nacht.
(Numeri 14,1)

Diese Nacht war der neunte Aw und G’tt reagierte auf ihr Weinen und bestimmte, dass sie in der Wüste sterben sollten: „Ihr weintet ohne Grund. Ich werde dafür sorgen, dass Ihr Grund haben werdet, an genau diesem Tag in allen Generationen zu weinen.“

Das erste Bet Hamikdasch wurde 586 vor der üblichen Zeitrechnung von den Babyloniern zerstört. Die Armeen des Nebukadnezar brannten den Tempel am Abend des neunten Aw bis auf die Grundmauern nieder, und das Feuer brannte bis zum Nachmittag des zehnten Aw weiter. Der Trauertag wurde auf den Tag festgelegt, an dem der Brand begann.

Am neunten Aw des Jahres 70 der gewöhnlichen Zeitrechnung wurde der Zweite Tempel vom römischen General Titus niedergebrannt.

Während des Bar Kochbar-Aufstandes gegen die Römer wurde die Festung Betar am Tischa Be’Aw erobert. Betar war das Zentrum der Revolte und Tausende von Männern, Frauen und Kindern hatten sich vor der römischen Armee hierher geflüchtet. Als die Festung zerstört wurde, kamen sie alle ums Leben und das letzte Bollwerk jüdischen Widerstandes im Land, nach der Zerstörung des Zweiten Bet Hamikdasch, fiel zusammen.

Während der Unterdrückung, die auf den Bar Kochbar-Aufstand folgte, taten die römischen Herrscher alles, um jede Erinnerung an Jerusalem und die jüdische Oberhoheit dort auszulöschen. Sie pflügten die   ganze Stadt um und änderten ihren Namen in „Aelia Capitolina“.

Welches sind die Gesetze und Bräuche zu Tischa Be’Aw?

Das Fasten des Tischa Be’Aw beginnt am Abend (dies ist der einzige Fasttag außer Jom Kippur der volle 24 Stunden dauert). Am Tischa Be’Aw lassen wir alle „Unannehmlichkeiten“ über uns   ergehen, die auch am Jom Kippur erfolgen – weder essen noch trinken wir, tragen keine Lederschuhe, baden nicht etc.

Bei der letzten Mahlzeit vor dem Fasten ist es Brauch, ein hartgekochtes Ei zu essen (das allgemein als Speise der Trauernden gilt). Es wird leicht in Asche getaucht, um uns an die Asche zu erinnern, die nach dem Brand der beiden Tempel übrig blieb. In der Synagoge wird der Vorhang vom Toraschrein entfernt. Nach dem  Abendgebet sitzt jeder auf dem Boden oder auf niedrigen Bänken, wie es Trauernden geziemt. Bei Kerzenlicht werden mit einer besonders traurigen Melodie die Klagelieder rezitiert, die dem Prophet Jeremia zugeschrieben werden. Die Klagelieder (Eicha)   beschreiben die Trauer und Schrecken der Zerstörung des ersten Bet Hamikdasch. Danach werden sowohl am Abend als auch am nächsten Morgen Trauergedichte (Kinot) gelesen.

Ein weiterer Aspekt der Trauer besteht darin, dass wir einander nicht mit „Schalom“ begrüßen.

Am Morgen des Tischa Be’Aw werden Kinot gelesen. Das Buch der Kinot wurde im Mittelalter geschrieben und spiegelt nicht nur die Zerstörung in alten Zeiten wieder, sondern auch die Leiden des Volkes Israel im Exil, vor allem die Zerstörung vieler jüdischer Gemeinden in Deutschland während der Kreuzzüge. Ein weiteres Thema der Kinot ist „Jerusalem in seiner Zerstörung“, darunter das berühmte Klagelied von Rabbi Jehuda Halevi „Zion halo tisch’ali lischlom assiraich“ (Zion, wirst du nicht nach dem Wohl deiner Exilierten fragen?)

Nach den Kinot werden noch einmal die Klagelieder gelesen. Bis zum Nachmittag wird keine Arbeit getan. In Trauer um die Zerstörung des Tempels legen wir uns den Tallit (Gebetsschal) nicht um, noch legen wir während des Morgengebetes die Tefillin (Gebetsriemen) an.

In einigen Gemeinden kommen noch einige andere Trauerbräuche hinzu. In den sephardischen Synagogen Jerusalems werden die Lichter gelöscht und der Synagogendiener verliest die Zahl der Jahre, die seit der Zerstörung Jerusalems vergangen sind. Viele Jerusalemer versammeln sich, um die Kinot am Kotel Hama’arawi, dem Überbleibsel des Bet Hamikdasch zu lesen, oder um die Stadtmauern zu ziehen, während sie   diese lesen. Im Jemen war es üblich, die Tora-Rollen in schwarzes Tuch zu hüllen.

Es gibt keinen jüdischen Trauerbrauch ohne die Erleichterung und den Trost der Erlösung, keine Zerstörung ohne die Hoffnung auf nachfolgende Wiederbelebung. Der jüdischen Überlieferung nach wird der Messias am Tischa Be’Aw geboren werden.

Aus diesem Grund sind die Trauerbräuche am Nachmittag gelockert- während der Nachmittagsgebete legen wir den Tallit an und die Teffilin um und kehren auf unsere üblichen Plätze in der Synagoge  zurück.

Menachem Aw – Der Trost des Aw

Der Monat Aw wird auch Menachem Aw genannt, weil der Ewige, gepriesen sei Er, der Aw (Vater) genannt wird und sich nach der Zerstörung des Bet Hamikdasch damit tröstet, dass es in der nahen Zukunft wieder aufgebaut wird. Auch existiert der Name Menachem Aw, da der Monat mit Lesungen und Gebeten des Trostes endet sowie mit der Hoffnung auf Erlösung. Einige sagen, dass der Name ein Hinweis auf den Namen des Messias sei, der Menachem (der Tröster) genannt wird, und der Überlieferung gemäß am Tischa Be’Aw geboren wird.

Quelle: „Fünfzig Jahre Staat Israel“ von Joel Rappel

Was ist an Tischa beAw wegen Inui (Fasten) verboten?

Alle Inuim (die aufgrund von Inui verbotenen Dinge) gelten von Sonnenuntergang am Vorabend des 9. Aw bis zum Eintritt der Nacht am Ende des 9. Aw.

  • Essen und Trinken
  • Gehen mit Lederschuhen
  • Sich waschen. Sogar das Gesicht darf man morgens nicht waschen. Nach dem WC soll an nur seine Finger  waschen.
  • Sich cremen oder salben.
  • Der eheliche Verkehr (sogar am Schabbat, wenn der 9. Aw auf Schabbat fällt).

Was ist am Tischa beAw wegen Awelut (Trauer) verboten?

  • Tora oder Talmud lernen – nur Ejcha, Ijow (Hiob) und die traurigen Stellen in Jirmijahu sind erlaubt. Vom Talmud sind nur die Stellen über die Zerstörung des Tempels und Trauervorschriften erlaubt.
  • Das Grüßen (wird man von jemandem gegrüßt, so antwortet man mit gedämpfter Stimme).
  • Frische Kleider anziehen.
  • Das Spazieren gehen oder sonstige Ablenkung vom Inhalt des Tages.
  • Das Arbeiten – bis zur Mitte des Tages (Sonnenaufgang bis Untergang) ist verboten. Nachmittags ist das Arbeiten erlaubt.
  • Zu Schacharit legt man nicht Tefillin an – dagegen legt man sie dann zu Mincha.
  • Manche schlafen auf dem Boden mit einem Stein als Kissen, andere mit weniger Kissen wie gewohnt.
  • Tischa beAw abends und am Tag bis zur Mitte des Tages sitzt man tief wie bei einer Schiwa, d.h. auf dem Boden oder auf einem niedrigen Gegenstand.
  • Abends wird die Megilat Ejcha (das Klagelied der Bibel) gelesen – am Tag werden Kinoth (Trauergedichte) gesagt.
  • Man vermindere so viel wie nur möglich seinen Genuss.

Am Tischa be’Aw muss man fühlen, bedauern, sich bewusst sein dessen, was  einem fehlt, was Am Jisrael fehlt, was der Welt fehlt. Trauern um das, was sein könnte und nicht ist!

Eine Geschichte aus den Erzählungen von Rabbi Nachman von Breslau:

Ein König hatte einen Sohn, der Schlimmes getan hatte und vom Königshaus weggeschickt werden musste. Er ging von Ort zu Ort, bis ihm sein Geld ausging. Er verdiente dann sein tägliches Brot mit Feldarbeit in einer fern abgelegenen Region.

Eines Tages sah er, wie sich alle Bauern aufgeregt unterhielten. Der König komme morgen und wer ein Zettel mit einem beliebigen Wunsch in die königliche Kutsche hineinwerfe, dem erfülle der König den Wunsch.

Die ganze Nacht hindurch saß der Königssohn und überlegte sich, was er sich wünschen solle. Als die   Kutsche am nächsten Tag vorbeifuhr, zielte er vorsichtig und warf seinen Zettel. Der König erkannte die Handschrift seines Sohnes sofort. Und als er den Zettel las, weinte er.

Sein Sohn hatte vergessen, woher er kam und wohin er zurückgehen konnte. Was der Prinz verlangte, war ein einfacher Strohhut, wie ihn die anderen Bauern trugen, so dass die Sonne ihn nicht auf den Kopf stach

Jeder, der um Jeruschalajim trauert, wird auch den Wiederaufbau sehen!
Der, der nicht um Jeruschalajim trauert, wird dies nicht erleben!

Tischa Be Aw in der „älteren“ Geschichte

  • Es wurde über unsere Väter verhängt, dass sie nicht ins Land Israel einziehen dürfen (Siehe 4. Buch Moses, Kap. 13 und 14)
  • Das Bet Hamikdasch (der Tempel) wurde zum ersten Mal zerstört (von den Babyloniern unter Nebukadnezar 586 v.d.Z.)
  • Das Bet Hamikdasch wurde zum zweiten Mal zerstört (von den Römern unter Titus 70 n.d.Z.)
  • Bejthar wurde erobert (und damit der Aufstand gegen die Römer unter Bar Kochba niedergeschlagen. Unzählige jüdische Männer, Frauen und Kinder wurden von Römern niedergemetzelt 135 n.u.Z.)

Tischa beAw in der „neueren“ Geschichte

9. Aw 5144 (06.07.1384): Gemetzel von Tarrega, Katalonien

Auftakt zur Brunnenvergiftung – Verleumdung

Zwischen den Jahren 1347 und 1350 wütete eine Seuche, die „schwarze Pest“, in Europa und raffte viele Menschen dahin. Eine ungeheure Verleumdung, dass die Juden die Brunnen vergiftet hätten, breitete sich in Katalonien (Nordspanien) aus. Am 9. Aw wurden mehr als 300 Juden der Gemeinde von Tarrega niedergemetzelt, die Überlebenden wurden von Hab und Gut beraubt. Von Spanien wurde die Verleumdung nach Savoyen und bald darauf in die Schweiz verbreitet. Dann griff mit der Seuche die Beschuldigung nach Deutschland über. Durch grausame Marter wurden Vergiftungs-„Geständnisse“ erpresst.

Überall in Savoyen, der Schweiz (Aargau, Bern, Zürich, Basel) und Deutschland wurden Juden ermordet und geplündert, zum Scheiterhaufen oder aufs Schafott gebracht.

In Deutschland wurden mehr als 300 Gemeinden völlig zerstört!

Neben den Kreuzzügen und dem 3. Reich waren diese Verfolgungen die schwersten, die die Juden Europas befielen.

9. Aw 5252 (02.08.1492): Vertreibung der Juden aus Spanien

Seit der Zerstörung des Tempels lebten Juden auf der Iberischen Halbinsel. Am 31. März 1492 veröffentlichte Ferdinand das Judenvertreibungsedikt – alle Juden Spaniens hätten sich innerhalb 3 Monaten zu taufen oder das Land zu verlassen. Nur wenige sind der Versuchung der Taufe erlegen. Die Juden waren gezwungen, ihren Besitz zu verschleudern; was sie zurückließen, behielt der Staat. Das Schicksal der Vertriebenen (Hungersnot und Krankheit, Seeräuber und Mörder, Asylverweigerung in vielen Ländern) war vorauszusehen. Die Geschichten gehörten zu den schlimmsten Erlebnissen des sephardischen Judentums.

Am Tischa beAw gingen sie auf Boote und über die Grenze nach Portugal auf der ersten Etappe ihres Martyriums. Die Rabbanim befahlen, dass man trotz Tischa beAw Marschmusik spiele – zu Ehren ihres Messirut Nefesch (Aufopferungsbereitschaft).

9. Aw 5674 (01.08.1914): Deutschlands Mobilmachung und Kriegserklärung an Russland

Ausbruch des 1. Weltkrieges!

Der Nationalsozialismus in Deutschland und der Kommunismus in Russland, die zwei Autoren des Churban Europa (der Zerstörung des europäischen Judentums, die Shoa) waren direkte Folgen und Fortsetzung des Unheils des Krieges.

Mit dem Eintritt des Monats Aw reduzierte man in Sachen Simcha  (Fröhlichkeit, Freude, Feste).

In der Woche vor Tischa beAw ist das Haareschneiden und das Wäschewaschen verboten (bis zum 10. Aw nachmittags, so wie während einer Schiwa).

Am Vorabend von Tischa beAw darf man bei der letzten Mahlzeit nicht zwei gekochte Gerichte essen und weder Fleisch essen noch Wein  trinken.

Mischnah – Ta’anit Kap. 4; 6, 7